Maya Ziegler
Band 1: Magiebann
Band 1: Magiebann
Magiebann
Mainz-Chroniken 1
Urban Romantasy · Jenni & Hagen
Erscheint am 15. November 2026
Fortsetzung der Leseprobe
Kapitel 2
Als Stunden später der letzte Gast gegangen ist und das Café vor Sauberkeit blitzt, stehe ich in einem Nebenraum der Küche, den ich als Backstube nutze, wenn ich alleine sein will.
Draußen ist es längst dunkel und Regen peitscht gegen das Fenster, das auf den Schillerplatz hinausgeht. Die Lichter der Straßenlaternen spiegeln sich im Wasser, das über den Fastnachtsbrunnen rinnt, und lassen seine Figuren noch verzerrter wirken als sonst. Bunt kostümierte Gestalten taumeln darum herum, werfen Bierdosen in das leere Becken und grölen so laut, dass ich sie selbst hier drinnen höre. Ach ja. Morgen ist Rosenmontag.
Faun ist nach ihrem überstürzten Abgang nie zurückgekehrt, obwohl ihre Schicht noch lange nicht vorbei war. Erst hat mich das gewundert, dann enttäuscht und dann beunruhigt, aber all das ging unter im Nachmittagstrubel. Nachdem wir fast alles verkauft haben, was das Café hergab, musste gewischt, geräumt und geputzt werden.
Zum letzten Mal.
Ich bin müde bis in die Knochen.
Mit einem Spritzbeutel verteile ich Vanillebuttercreme auf meine neunzehn Schokomuffins. Dann drücke ich Marzipanohren und kleine Hörner drauf und streue Perlen über alles. Der Goldstaub kommt zuletzt.
„Happy Birthday“, murmle ich, schnappe mir einen Muffin und beiße hinein.
Kurzzeitig befinde ich mich im Schokohimmel und alles andere ist egal.
„Jenni?“
Die Tür schwingt auf und Liljana erscheint im warmen Licht des Cafés. Mit einem Sektglas in der Hand schlendert sie durch die Küche bis zu meiner kleinen Backstube und lehnt sich an den Türrahmen.
„Jenni.“ In ihrer Stimme schwingt ein freundlicher Tadel mit. „Du musst dich nicht hier verstecken. Gesell dich zu uns. Wir stoßen auf dich an.“
Sie hebt das Glas. Ihre Augen funkeln und ich bewundere sie dafür, dass sie den Untergang ihres Cafés in eine kleine Feier verwandelt hat.
Im Café sitzen nur noch Horst, Werner, Berta und Sieglinde, Liljanas beste Freunde, und feiern mit ihr das Ende einer Ära.
Rasch senke ich den Blick auf meine Muffins. Das Make-up hat gehalten, aber meine Wange tut immer noch weh. Ich schäme mich dafür, wie zerbrechlich ich mich fühle, und ich ertrage den Gedanken nicht, Liljanas letzten Abend mit meiner düsteren Stimmung zu besudeln.
Also beiße ich mir auf die Zunge. Unter keinen Umständen will ich vor ihr in Tränen ausbrechen. „Nein, danke“, bringe ich heraus. „Ich bin nicht passend angezogen.“
Liljana legt den Kopf schräg.
Ich blicke an mir herunter. Meine Café-Uniform habe ich längst gegen eine Leggings und einen ausgewaschenen Pullover getauscht und meine Füße stecken in alten Turnschuhen. Mein Haar hängt in einem unordentlichen Zopf im Nacken. Mehl klebt an meinem Ärmel, irgendwo auf meinem Kopf trocknen noch Marzipanreste, und an meinem linken Ohr hängt Buttercreme, die beim Zurückstreichen einer lästigen Strähne dort hängengeblieben ist.
Liljana lächelt. „Du siehst wunderbar aus, Jenni.“
„Danke“, sage ich ehrlich und stopfe mir schnell den Rest des Muffins in den Mund, um alles andere zurückzudrängen.
Liljana seufzt leise. „Ach, weißt du. In jedem Ende steckt auch ein Neubeginn. Wir wissen nur noch nicht, wie es aussehen wird.“
Elend und einsam wird es aussehen. Ich schlucke den letzten Batzen Muffin hinunter. „Du klingst wie eine Grußkarte.“
„Möglich“, sagt sie schmunzelnd. „Trotzdem. Komm und stoß mit uns an. Auf dich. Man wird nicht jeden Tag neunzehn.“
Ich murmle etwas Unverständliches und deute auf die restlichen achtzehn Einhorn-Muffins. „Die muss ich noch … verteilen.“
An wen ich sie verteilen soll, ist mir allerdings schleierhaft, und auch Liljana sehe ich den Zweifel deutlich an. Sie weiß, dass ich kaum Freunde habe, weil ich lieber für mich bin. Faun ist in den vier Monaten, die sie hier gearbeitet hat, die seltene Ausnahme dieser Regel.
In Liljanas Blick mischt sich Sorge. „Wird es dir wirklich gutgehen?“, fragt sie. „Du hast eine WG gefunden und Arbeit nach dem Abitur?“
Ich zwinge ein Lächeln auf mein Gesicht. „Ja, klar“, lüge ich. Mein Magen zieht sich zusammen.
Unter keinen Umständen werde ich Liljana auch noch aufladen, dass ich weder eine Wohnung noch einen Plan habe, wie ich meine Rechnungen bezahlen soll. Das kleine Zimmer über dem Café ist mein Zuhause. Es aufzugeben fühlt sich unmöglich an. Außerdem ist der Wohnungsmarkt in Mainz für Studenten schon schwierig genug. Kaum jemand will eine neunzehnjährige Schülerin bei sich in der WG haben.
„Bei Freunden von Faun.“ Ich häufe heute Lügen an, als wären es Schätze. „Sie hat da eine kleine Party für mich organisiert. Bei den Freunden und … ich muss jetzt los.“
Wo auch immer Faun steckt.
Mittlerweile mache ich mir echt Sorgen. Schnell tippe ich eine Nachricht in mein Handy: „In welchen Kaninchenbau bist du gefallen, Alice?“
Vielleicht könnte ich tatsächlich mit ihr feiern, aber bei dem Gedanken, dass meine Mutter ausgerechnet dann anruft, wird mir flau.
Im schwarzen Display meines Handys sehe ich mein Gesicht verschwommen gespiegelt. Die Ringe unter meinen Augen wirken trotz Make-ups wie zwei dunkle Höhlen.
„Hm“, macht Liljana. „Du weißt, man muss nicht an ein Telefon gehen, nur weil es klingelt.“
Sie nimmt einen Schluck Sekt. „Du bist ihr nichts schuldig, Jenni. Ich würde direktere Worte wählen, aber ich bin nicht sicher, ob du sie hören möchtest.“
Als wollte sie ihre Theorie testen, mustert sie mich prüfend.
Ich weiche ihrem Blick aus und schiebe das Handy hinten in den Bund meiner Leggings. „Schon gut“, murmle ich und setze die Muffins in einen Transportkarton.
Liljana sieht mir einen Moment schweigend dabei zu. „Es tut mir so leid“, sagt sie leise. Ihre Stimme bricht fast. Sie wischt sich etwas aus dem Augenwinkel. „Ich habe das Gefühl, ich lasse dich im Stich. Ich wünschte, ich könnte …“
Bevor sie mich endgültig zum Weinen bringt, eile ich um die Küchenzeile herum und schließe sie fest in die Arme.
Sie riecht nach Kuchen und Vanille.
„Du hast mich gerettet“, sage ich mit belegter Stimme. „Ohne dich wäre ich …“ Ohne sie wäre ich verloren gewesen.
Liljana klammert sich an mich. „Jenni.“
In meiner festen Umarmung wirkt sie auf einmal so schmal und zerbrechlich.
„Ich weiß“, krächze ich und löse mich von ihr.
Ihre Augen glänzen.
Dabei hat sie sich nichts vorzuwerfen. Ihre letzten Ersparnisse, ihre Kraft und all ihre Hoffnung hat sie in den Erhalt ihres Cafés investiert und trotzdem wird Flemming den Häuserblock abreißen lassen. Also muss Liljana zu ihrer Schwester in den Odenwald ziehen.
Sie nimmt es mit Gefasstheit, wie alles, aber ich weiß, dass ihr das Herz blutet. Auch, weil sie mich nicht mitnehmen kann. Es fühlt sich an wie Verrat, obwohl ich weiß, dass Liljana keine Schuld trifft. Sie hat wortwörtlich ihren letzten Cent gegeben, um das Café vor dem Untergang zu bewahren. Vergebens.
Es ist naiv und erbärmlich, aber ich frage trotzdem: „Können wir wirklich nichts mehr tun?“
Liljana seufzt schwer. „Es müssten bis Aschermittwoch hunderttausend Euro vom Himmel fallen.“ Sie hebt ihr Glas. „Aber das Einzige, was bis dahin durch die Luft fliegt, werden Kamelle sein. Helau.“
Ich lasse den Kopf sinken und starre auf die Muffins im Karton. Ich hasse es, mich so machtlos zu fühlen. Nur gut, dass Flemming meinen Macaron gegessen hat.
Der Preis war hoch, aber wenn ich mir vorstelle, wie er gerade fluchend auf der Toilette sitzt, war es das wert.
Ich presse die Lippen aufeinander, um ein Grinsen zu unterdrücken, und schaue zur Seite.
„Jenni?“ Liljana klingt amüsiert und nur einen Hauch besorgt.
Ich schnappe mir einen Lappen und wische die Arbeitsfläche, bis sie glänzt.
„Ich kenne dieses Gesicht“, forscht Liljana weiter. „Jenni. Was hast du getan?“
Sie fragt so freundlich. In den vier Jahren, in denen ich Liljana kenne, hat sie niemals ihre Stimme erhoben. Ihr sanfter Tadel wiegt ohnehin viel schwerer als Gebrüll.
„Also“, beginne ich gedehnt und räume die letzten Backutensilien in ihre Schubladen, um Liljana nicht in die Augen sehen zu müssen. „Es ist möglich, dass die Macarons, die ich Flemming angeboten habe, den Namen Montezuma-Macarons verdient hätten, weil …“
Ich breche ab. Oh, nein. In Liljanas Augen stehen Tränen.
Ich sinke ins Bodenlose. Sie hatte sich einen würdevollen Abschied von ihrem Café gewünscht und ich habe ihn mit kindischer Rache besudelt.
„Es tut mir so leid“, platzt es aus mir heraus. „Bitte verzeih mir.“
Ein ersticktes Geräusch entkommt ihr.
„Alles in Ordnung?“, frage ich besorgt.
Liljana sieht seltsam aus. Ihre Augen sind groß, ihr Mund angestrengt verkniffen und das Sektglas in ihrer Hand zittert.
„Hast du dich verschluckt?“
Sie winkt ab, presst eine Hand auf den Mund und dann bricht ein Lachen aus ihr heraus, so schillernd und bunt, dass ich mir wünsche, sie würde jeden Tag so lachen.
„Jenni“, bringt sie schließlich hervor. „Es gefällt mir, dass du den Mut dazu hattest.“
Meine Augen werden groß. „Du wusstest es?“
Liljana wischt sich Lachtränen aus den Augenwinkeln. „Die Flasche Rizinusöl im Mülleimer ist mir durchaus aufgefallen.“
Ich schmunzle. Liljana. Meine verschwiegene Verbündete.
„Was verschafft uns die Ehre deines Lachens?“, ruft Horst aus dem Café.
Liljana dreht sich halb um. „Süße Rache“, ruft sie. „Ich erkläre es gleich.“
Sie wendet sich zurück zu mir, ihr Gesicht ernst. „Jenni. Robert Flemming ist ein Unmensch, ein – verzeih mir meine Wortwahl – abartiges Scheusal.“
Ich hebe eine Braue. So nahe kommt Liljana sonst nie ans Fluchen. „Ich verzeihe dir“, sage ich grinsend.
„Er gehört hinter Gittern. Einige Extrasitzungen auf dem Porzellanthron sind das Mindeste, was er verdient hat.“
Mein Grinsen wächst, selbst wenn meine Wange dabei protestiert.
Flemming und Schirn haben den Häuserblock am Schillerplatz Stück für Stück in ihre Finger bekommen. Liljanas Café war die letzte Bastion. Als hohe Mieten nicht reichten, gab es plötzlich Wasserrohrbrüche, undichte Gasleitungen und durchtrennte Stromkabel. Dann Vandalismus. Zum Schluss verschwanden Geräte aus der Küche oder wurden zerstört. Als auch das Liljana nicht vertrieb, kamen Bestechungen und danach Drohungen.
Liljana leugnet die Drohungen noch heute, aber ich erinnere mich genau an ihr leichenblasses Gesicht, nachdem sie von einem Gespräch mit Flemmings Anwälten zurückkam. Und an die dunklen Abdrücke an ihren Armen.
Unvermittelt sind die Tränen zurück. Noch nie hat mich jemand so schützen wollen wie Liljana. Und nun verliere ich sie, meine Arbeit und mein Zuhause bei ihr.
Liljana schließt mich noch einmal in die Arme. „Liebes“, flüstert sie.
Ein Schluchzen bricht aus mir heraus. Ich will nicht vor ihr weinen. Sie soll einen schönen letzten Abend mit ihren Freunden verbringen.
Also drücke ich ihr einen Kuss auf die Wange und löse mich von ihr.
„Party“, sage ich mit einem schiefen Lächeln, schnappe mir meine Jacke und Muffins und bin aus der Tür, ehe sie mich zurückhalten kann.
Beißende Kälte schlägt mir entgegen, Regen prasselt auf mich nieder. Ich renne über den Schillerplatz, am Fastnachtsbrunnen und den grölenden Feiernden vorbei, bis ich mich unter das Vordach der aufgebauten Bühne rette. Mein Atem formt weiße Wolken in der Luft.
Was für ein Tag.
Eine Gruppe Elfen mit spitzen Ohren und flatternden Gewändern rennt johlend heran. Hinter ihnen stürmen Zwerge mit falschen Bärten und Äxten um die Ecke. Schnapsflaschen werden gezückt. Irgendwer kreischt vor Lachen.
Unwillkürlich drücke ich mich weiter in den Schatten.
Eine riesige Gestalt schreitet aus dem Regen, vollkommen in Schwarz gehüllt, eine Sense in der Hand.
Die Elfen und Zwerge stieben lachend und kreischend auseinander. Der Tod verfolgt sie.
Auf der anderen Straßenseite sehe ich, wie Liljana in den sanft beleuchteten Raum des Cafés zurückkehrt. Ich kann ihr Gesicht nicht erkennen, aber ich sehe, wie ihre Freunde sie empfangen.
Wärme breitet sich in meiner Brust aus. Wenigstens muss sie heute Abend nicht alleine sein.
Etwas raschelt hinter mir.
Ich fahre herum. „Was zum …?“
Mit klopfendem Herzen beuge ich mich vor.
In der Ecke der Bühne kauert jemand.
Ich schreie auf und springe zurück.
Zuerst denke ich, einen Obdachlosen gestört zu haben oder jemanden, der zu viel gefeiert hat, doch als die Gestalt aus dem Dunkel hervortritt, erkenne ich ein Mädchen.
Sie ist einen guten Kopf kleiner als ich und trotz ihrer übergroßen Jacke ist es offensichtlich, dass sie sehr dünn ist. Ihre Wangen sind hohl und ihre Augen scheinen zu groß für ihr Gesicht. Sie sind so smaragdgrün, dass ich für einen Moment glaube, sie trage Kontaktlinsen. Regen rinnt durch ihre dunklen Locken und tropft von ihrem Kinn.
Es fällt mir schwer, einzuschätzen, ob sie jünger oder älter ist als ich.
„H-Hallo“, sage ich vorsichtig und trete einen Schritt ins Licht der Straßenlaterne. „Alles okay?“
Sie weicht zur Seite aus, bis sie gänzlich im Regen steht, die Augen groß und schreckensweit. Kurz habe ich das unheimliche Gefühl, vor einem Spiegelbild meiner selbst aus der Vergangenheit zu stehen.
Ohne zu überlegen, greife ich in meinen Karton, hole einen Muffin heraus und halte ihn dem Mädchen hin. „Für dich“, sage ich. „Selbstgebacken.“
Sie bleibt wie erstarrt. Ihre Augen zucken zwischen mir und dem Muffin hin und her.
„Bitte“, sage ich. „Du darfst ihn gerne haben.“
Das Mädchen leckt sich über die Lippen. Ihre Finger zucken, aber sie traut sich nicht, nach dem Muffin zu greifen.
Langsam führe ich ihn an meinen Mund und beiße hinein. „Siehst du“, sage ich kauend und schenke ihr ein zaghaftes Lächeln. „Einfach nur ein leckerer Muffin.“
Sofort wird er mir aus der Hand gerissen und verschwindet zur Hälfte im Mund des Mädchens. Ich muss beinahe auflachen, doch bei dem gehetzten Ausdruck in ihren Augen bleibt es mir in der Kehle stecken. Ihre Finger haben meine kurz gestreift. Sie waren eiskalt.
Sah ich vor vier Jahren auch so aus, bevor Liljana mich in ihr Café holte?
Angst steigt in mir auf, dass ich wieder so enden werde wie damals. Alleine. Hungrig. Ohne ein Zuhause.
„Niemals“, stoße ich aus und balle die Hand zur Faust. Egal, was geschieht, ich werde nicht wieder auf der Straße landen.
Und Liljanas Café werde ich nicht kampflos aufgeben. Bis Aschermittwoch sind es noch drei Tage. Irgendetwas muss ich tun können.
Meine Haltung muss das Mädchen erschreckt haben, denn sie weicht vor mir zurück. Mit Streuseln und Goldstaub um den Mund sieht sie für einen absurden Moment fast komisch aus.
„Entschuldige“, sage ich rasch.
Sie rührt sich nicht.
„Hast du einen Platz zum Schlafen?“ Ich drehe mich halb, um auf das Café zu weisen. „Du könntest …“
Sie schreckt zurück. „Nein, ich …“ Doch anstatt ihren Satz weiter auszuführen, wirbelt sie herum und verschwindet in der Dunkelheit.
„He!“ Ich mache einen Schritt hinterher. „Ich will dir nur helfen. Ich …“
Aber sie ist schon fort.
Meine Schultern sinken.
Sie sah so alleine aus, wie ich mich damals gefühlt habe. Wie ich mich manchmal noch immer fühle.
Mein Handy im Bund meiner Leggings drückt unangenehm gegen meinen Rücken, und mein Herz schlägt sofort wie ein Hammer in meiner Brust. Bald wird sie anrufen. Mir bricht kalter Schweiß aus, wenn ich nur an ihre Stimme denke.
Ich erinnere mich nicht an die letzten freundlichen Worte, die sie zu mir gesagt hat, und dennoch fiebere ich ihren Anrufen jedes Mal entgegen. Seit Jahren habe ich meine Mutter nicht gesehen und dennoch habe ich ihr schmales, verhärmtes Gesicht mit den blauen Augen genau vor mir. Unter dem Blick dieser Augen habe ich mich lästig und unbedeutend gefühlt wie ein ekliges Insekt.
Ein Grölen reißt mich aus meinen Gedanken.
Neben mir taumelt eine Gruppe Halbstarker durch den Regen. Sie schwingen Bierflaschen und johlen Faschingslieder. Ihre bunten Clown-Verkleidungen leuchten unter dem Licht der Straßenlaternen auf.
Am Wochenende vor Rosenmontag ist Mainz im Ausnahmezustand: Masken, Kostüme, verzerrte Gesichter und sehr viel Alkohol. Der eiskalte Regen hält die Straßen halbwegs frei, aber je mehr getrunken wird, desto weniger kümmert die Leute das Wetter.
Ich schlage die Kapuze hoch und eile mit schnellen Schritten davon.
Mein Weg führt mich über den Schillerplatz, vorbei an einem übergroßen Maikäfer, einem Drachen und mehreren singenden Hexen, dann durch die Emmerich-Josef-Straße bis zu den Treppen der Kupferbergterrasse. Ich nehme die Stufen fast im Laufschritt, weiche Pfützen aus und gehe an der Brüstung entlang, bis ich meinen Platz erreiche.
Lichter glitzern überall in der Dunkelheit und in der Ferne schimmert der Rhein. Musik und die fernen Rufe Betrunkener hallen durch die Nacht, aber hier oben wirkt alles gedämpfter. Weiter weg.
Ich stelle den Muffinkarton ab, schiebe die Hände in meine Jackentaschen und atme aus.
Für ein paar gnädige Herzschläge denke ich an gar nichts.
Der Regen lässt nach, wird zu einem leichten Tröpfeln, sodass ich meine Kapuze vom Kopf streichen kann. Die Luft ist kalt, doch sie riecht erdig und schon ein wenig nach Frühling.
Langsam kommen mir die Lichter in der Ferne wie Hoffnungsschimmer vor. Vielleicht ist doch noch nicht alles verloren. Ich brauche nur einen Einfall oder eine zündende Idee, die –
Der Klingelton meines Handys zerreißt die Stille.
Ich schreie leise auf, fluche, fummle das Gerät hervor und starre auf das Display.
Veronika.
Meine Mutter.
Irgendwie sind meine Finger taub geworden. Ich starre auf das Display, bis ich Angst bekomme, dass es aufhören könnte zu klingeln, und nehme den Anruf hastig an.
„Jenni“, sagt sie.
Kein „Hallo“, kein „Wie geht es dir?“. Nur „Jenni“.
Meine Stimme klingt seltsam fremd. „Mutter.“
„Bist du schwanger?“
Jedes Mal stellt sie mir diese Frage. Auch vor vier Jahren schon, als sie mich ins Heim nach Frankfurt gebracht hat. „Nein.“
Veronika klingt beinahe enttäuscht. „Na, immerhin.“
„Drogen?“, fragt sie nahezu hoffnungsvoll.
„Zählen Rumkirschen?“, frage ich in einem Anflug von Trotz.
„Hohn steht dir nicht“, kommentiert sie abfällig.
Wir schweigen. Mir ist so kalt geworden, dass ich in meiner Jacke zittere.
„Ich werde ein Einser-Abi machen“, höre ich mich sagen. Doch kaum sind die Worte aus meinem Mund, schäme ich mich dafür.
Veronikas verächtliches Lachen hallt durch den Lautsprecher. „Arroganz steht dir auch nicht, Jenni. Ich kenne dich. Mich brauchst du nicht belügen. Du konntest mit zehn kaum lesen, warum sollte es mit achtzehn anders sein?“
„Weil ich jetzt Kontaktlinsen trage“, sage ich heiser.
Ich frage nicht, weshalb ihr meine Sehschwäche damals nicht aufgefallen ist, und ich sage auch nicht, dass ich eigentlich neunzehn geworden bin. Und ich erkläre ihr auch nicht, dass ich wegen meiner Sehschwäche und den Monaten auf der Straße ein Jahr in der Schule verloren habe und deshalb zu den Ältesten in meinem Abi-Jahrgang gehöre.
Veronika lacht. „Hübsche Ausrede. Könnte von mir sein.“
Ich atme ein und aus, um mich zu erden. „Wie geht es dir?“, frage ich. Vielleicht taut sie ja auf, wenn ich freundlich bleibe.
„Es geht“, sagt sie knapp. „Nichts Gutes hält lange genug.“ Sie seufzt theatralisch. „Hör mal, Jenni. Ich habe etwas mit dir zu klären.“ Etwas raschelt und ich höre sie kauen.
„Ich weiß“, spricht sie nach einer Weile weiter, „ich war nicht immer die perfekte Mutter, aber du warst natürlich nie das perfekte Kind.“ Mehr humorloses Lachen, Rascheln, dann Kauen.
Eine Art dumpfes Grauen sammelt sich in meinem Magen.
Ihre Stimme wird ungewohnt ernst. „Aber nach allem, was geschehen ist. Nach allem, was wir durchmachen mussten, wird es langsam Zeit …“ Sie seufzt. „Jenni, es wird Zeit, dass ich dir auch mal …“
Erneutes Rascheln. Kauen.
Meine Gedanken und Gefühle fahren Achterbahn. Kann es wirklich sein? Kommt meine Mutter doch noch auf die Idee, mir zu helfen? Der aberwitzige Gedanke durchzuckt mich, dass Veronika mir Geld geben könnte. Für das Café. Für Liljana.
Mein Atem geht so schnell, dass mir schwindelig wird.
„… es wird Zeit, Jenni, dass ich dir endlich eine Rechnung stelle.“
Die Achterbahn entgleist. Ich falle aus aller Höhe in ungeahnte Tiefen. Mein Magen überschlägt sich, mir ist augenblicklich übel.
„W-was?“, stammle ich.
„Du bist alt genug, um mir das zurückzuzahlen, was mir zusteht“, sagt sie, als wäre es offensichtlich. „Du schuldest es mir. Für all die Jahre, die ich für dich geopfert habe. All das Essen, die Kleidung, meine Nerven und die Windeln. Weißt du, wie teuer Windeln sind, Jenni? Ein Vermögen hast du mich gekostet. Die Zeit bekomme ich nie zurück, aber das Geld steht mir schon zu, findest du nicht? Es ist nur fair.“
Jeder Herzschlag schmerzt. „W-was?“, krächze ich.
„Du hast doch schon die ganze Zeit diesen Job in der Wäscherei.“ Wieder Rascheln. Schmatzen.
„Im Café“, korrigiere ich tonlos.
„Schmeiß die Schule hin und arbeite voll. In ein paar Jahren hast du mich ausbezahlt und wirst es mir danken, dass du einen guten Job hast.“
Ich sage ihr nicht, dass ich bereits in wenigen Monaten mein Abitur in der Tasche haben werde und plane zu studieren … irgendwie.
„In einer Wäscherei?“, frage ich stumpf.
„Wo auch immer. Ich gebe dir meine Kontodaten durch. Morgen erwarte ich die erste Anzahlung.“
Es herrscht Stille.
Mir fällt nichts mehr ein.
Gibt es überhaupt Worte, die einem Menschen wie meiner Mutter klarmachen könnten, was ich gerade empfinde? Bestimmt irgendwo. Hier nicht.
„Jenni?“ Ihre Stimme kippt ins Genervte. „Bist du jetzt beleidigt?“ Sie stöhnt auf. „Jenni, niemand schenkt einem was. Man muss sich nehmen, was man will. Ich musste immer alles alleine tun und ich habe viel zu viel für dich geopfert. Du hast ja keine Ahnung. Dankbarkeit habe ich dafür nie bekommen. Immer wolltest du mehr und mehr.“
Das Rascheln wird überlaut.
„Leer“, höre ich Veronika genervt murmeln. „Verstanden?“, ruft sie scharf in den Hörer. „Ich rufe nie wieder an, wenn du –“
„Schon gut“, unterbreche ich sie hastig.
Nennt mich erbärmlich, aber die Vorstellung, dass meine Mutter mich komplett aus ihrem Leben streicht, lässt mich in Angstschweiß ausbrechen.
„Ist ja gut“, sage ich erneut.
Vielleicht hat sie Recht und ich schulde ihr wirklich etwas. Geld zumindest. Nicht, dass ich viel hätte. Meine paar Ersparnisse müssen mich durch die nächsten Monate bringen, bis ich einen neuen Job finde. Und ein Zimmer irgendwo.
„Ich habe nicht viel“, sage ich leise, „aber ich kann dir ein bisschen überweisen.“
„Ein bisschen wird nicht reichen, Jenni.“
Eine Gruppe Jugendlicher grölt unten auf der Straße irgendwelche Oldies.
„Was ist los bei dir?“, fragt meine Mutter genervt.
„Rosenmontag.“
„Bist du in Köln?“
„Nein, ich –“
Die Jugendlichen schwanken näher heran. Sechs Wikinger. Sie singen schief und laut.
„Ist auch egal. Ich brauche fünfhundert Euro bis morgen.“ Eine kurze Pause. „Happy Birthday.“
Dann legt sie auf.
Leere.
Ich kann meine Gedanken und Gefühle kaum ordnen, aber ich weiß, dass ich mich selten so schäbig fühle wie nach einem ihrer Anrufe.
Warum bin ich so schwach und so abhängig von ihr? Warum hat sie die Macht, mich derart zu verletzen, wenn alles, was ich will … Gewaltsam schiebe ich die Gedanken beiseite.
Ich schüttle mich, atme mehrmals tief durch. Ich werde nicht weinen. Nicht an diesem Geburtstag. Der Tag ist schon schlimm genug. Ich werde einfach hier oben stehen, all meine Muffins essen und morgen wird mir etwas einfallen.
Bitte.
Als die Jugendlichen unter der Terrasse vorbeiziehen, singen zwei Mädchen mit schriller Stimme in meine Richtung: „All you need is love.“
Ich lache bitter auf.
Kein Mensch braucht nur Liebe. Wenn Mütter ihre Kinder zurücklassen, ist Liebe nicht nur sinnlos, sondern auch machtlos.
„Schwachsinn“, rufe ich ihnen wütend nach. „Nichts als Schwachsinn!“
Das Geräusch einzelner Regentropfen auf Pflastersteinen ist meine einzige Antwort. Ich zittere.
„Und ich dachte“, ertönt eine Stimme hinter mir, „Mütter wären die Guten.“
Kapitel 3
Mit einem Schrei fahre ich herum.
Da ist nichts als Dunkelheit hinter mir, doch dann löst sich ein Schatten daraus und tritt ins Licht der Laterne.
Die brodelnden Gefühle in mir kristallisieren sich zu glasklarem Zorn. Ich kenne diesen Typen. Ich hasse diesen Typen.
„Wolf“, presse ich heraus.
Er neigt den Kopf leicht. „Jenni.“
„Was machst du hier?“, blaffe ich. „Musst du nicht irgendwo eine Yacht einweihen? Oder das Blut von Säuglingen trinken?“
Seine Hände stecken lässig in den Taschen seines teuren Anzugs, das aschblonde Haar fällt ihm über die Stirn und als er aufschaut, blitzt es in seinen grauen Augen. „Vorzugsweise ja“, sagt er mit einem süffisanten Grinsen.
Seine Stimme ist so kühl wie Seide und gleichzeitig rau, als hätte er zu viel gefeiert.
Ich verdrehe die Augen, wende mich ab und gehe einfach los. An diesem Abend habe ich weder die Kraft noch die emotionale Kapazität, mich mit diesem Idioten auseinanderzusetzen. Am liebsten würde ich mich irgendwo vergraben.
Oder ihn.
„Harte Nacht?“
Etwas in seinem Ton lässt mich innehalten. Die Worte klangen fast verwundbar.
Ich werfe einen Blick über die Schulter. Obwohl er geschniegelt aussieht wie immer, wirkt er ungewohnt erschöpft.
Wolf ist sicher nicht sein richtiger Name, obwohl ihn alle in der Schule so nennen. Es gibt so viele Dinge, die mich an ihm stören: Sein Abitur wird besser ausfallen als meins. Er sieht gut aus und er weiß es. Alle laufen ihm nach, obwohl er nichts als höfliche Verachtung für sie übrig hat. Ach ja. Und sein Vater ist Robert Flemming.
Sein Blick verfängt sich an etwas auf meinem Kopf. „Du hast da was.“
Oh, nein. Das Marzipan.
Ich funkle ihn an. „Das ist Absicht.“
Er ist weise genug, nicht weiter darauf einzugehen.
„Wie geht es deinem Vater?“, erkundige ich mich mit unschuldiger Miene.
Mehrere Emotionen wechseln sich auf Wolfs Gesicht ab, bevor er sie alle unterdrücken kann und zu seiner üblichen Maske zurückkehrt, die ich in Gedanken „gelangweilter Schnösel“ nenne. Das schadenfrohe Grinsen habe ich allerdings gesehen.
„Noch auf dem Pott?“, grabe ich weiter.
Wolf nickt abgehackt, atmet tief durch. Nun sieht er aus, als würde die Schadenfreude ihm Schmerzen bereiten. „Möglich“, sagt er rasch und hält eine Hand hoch, um mich vom Reden abzuhalten.
Seine Pein bereitet mir große Freude. Ich überlege, ob ich ihm den Namen meiner Spezial-Macarons verraten soll.
„Ich biete dir einhunderttausend Euro.“
Seine Worte sind so absurd, dass ich sie überhöre.
„Montezuma-Macarons“, erkläre ich zufrieden.
Für den Bruchteil einer Sekunde blitzt hämische Freude in seinen Augen auf. Dann zieht er scharf die Luft ein und krümmt sich.
„Was …?“ Meine Besorgnis irritiert mich so sehr, dass ich beinahe einen Schritt auf ihn zumache.
„Hör auf, davon zu sprechen“, presst Wolf hervor und richtet sich vorsichtig wieder auf. „Hast du mich nicht verstanden? Ich biete dir einhunderttausend Euro.“
Ich weiß nicht, wovon er spricht. „Für einen Macaron?“
Wolf atmet kurz durch, rückt seinen Anzug zurecht. Er kommt einen Schritt näher und sieht mich an, als wäre ich an einer besonders einfachen Rechenaufgabe gescheitert. „Für die Zurückgewinnung meines Besitzes.“
Ein unwirkliches Gefühl überkommt mich. Mein Blick verschwimmt, mein Herzschlag beschleunigt sich, und für einen Augenblick fühlt es sich an, als stünde ich mitten in einem Sturm.
„Zurückgewinnung?“, wiederhole ich. „Du meinst Diebstahl.“
Ich warte auf eine Erwiderung, doch Wolf taxiert mich bloß mit unlesbarem Gesichtsausdruck.
„Du willst, dass ich für dich einen Diebstahl begehe?“
Wut steigt in mir auf. Wollen er und sein Vater, dass ich auch noch im Gefängnis lande?
„Fahr zur Hölle“, speie ich in seine Richtung.
Er hebt eine Braue. „Ich lebe in der Hölle, Jenni.“
Die Ernsthaftigkeit und Intensität, mit der er spricht, nimmt mir für einen Moment die Luft aus den Segeln. Will er mich verunsichern? Spielt er mit mir? Ist er melodramatisch?
Wolf bemerkt mein Zögern, tritt näher und ich verfluche nicht zum letzten Mal, dass er einen Kopf größer ist als ich. Es ist schlimm genug, dass er den Körperbau eines Athleten und die gelackte Fassade eines Models besitzt. Ich hasse es, zu ihm hochschauen zu müssen.
Aus Prinzip weiche ich einen Schritt zurück, stolpere und fange mich ungeschickt an der Brüstung hinter mir ab. „Was stimmt nicht mit dir, Wolf?“
Ein hämisches Lächeln zieht über seine Züge. „Die Liste ist lang.“
Ich verdrehe die Augen. Also neigt er definitiv zu dramatischen Übertreibungen. Obwohl … In dem Punkt muss ich ihm eigentlich Recht geben.
„Wolf“, sage ich gedehnt und neige leicht den Kopf, um ihm möglichst spannungsgeladen in die Augen zu sehen. „Ich gehöre weder zu deinem Fanclub, noch habe ich eine traumatische Hirnverletzung erlitten. Geh Skifahren, trink deinen Kaviar oder heul den Mond an. Aber lass mich in Ruhe.“
Ich schwöre, dass seine Mundwinkel zucken, doch die Gelangweilter-Schnösel-Maske sitzt zu fest, um davon durchbrochen zu werden.
Er seufzt. „Jenni“, sagt er in derselben bedeutungsschweren Betonung wie ich. „Dies ist eine Chance. Deine einzige und letzte Chance. Alles, was du tun musst, ist bei einem alten Freund von mir einzusteigen und etwas zurückzubringen, das mir gestohlen wurde.“
Mein Lachen schallt hohl und scharf von den Mauern wieder.
„In was für einem Film bin ich bitte gelandet?“ Und als Wolf nicht antwortet, füge ich hinzu: „Wie kommst du auf den aberwitzigen Gedanken, dass ich irgendetwas für dich tun würde? Erst recht einen Diebstahl begehen?“
„Zurückgewinnung“, berichtigt mich Wolf geduldig. „Er hat es zuerst gestohlen.“
„Ach so“, entgegne ich sarkastisch. „Dann ist es natürlich was anderes. Ernsthaft?“ Ich drehe mich im Kreis. „Wo sind die Kameras, Wolf?“
Er scheint irritiert. „Die Kameras?“
Ich werfe die Hände zum Himmel und stöhne genervt. „Warum?“
Wolf zieht die Augenbrauen zusammen. „Warum was?“
Gut, nun bin ich die dramatische. Aber egal. Ich habe allen Grund dazu. Eigentlich ging meine Warum-Frage an das Universum, aber wenn Wolf sich angesprochen fühlt, kann ich sie auch auf ihn spezifizieren. „Warum hältst du mich für bescheuert?“
Sein Lächeln ist empörend wölfisch. „Ich würde nie jemanden anheuern, den ich für bescheuert halte.“
Irgendwie will meine Faust in sein Gesicht. Um sie daran zu hindern, krame ich meine Hände tiefer in die Jackentaschen und fahre ihn stattdessen an: „Warum willst du, dass ich einen Diebstahl begehe, für eine Summe, die das Café retten könnte, das dein Vater vernichten will? Bist du hier, um mich tiefer in den Mist zu reiten? Willst du, dass ich verhaftet werde? Oder willst du dich wie ein Elendstourist einfach nur über mich lustig machen?“
Wolf starrt mich ausdrucklos an. „Ist die Summe das Problem? Ich kann dir auch einhundertfünfzigtausend Euro bieten.“
Ich kreische aufgebracht, fahre auf dem Absatz herum und eile zu den Treppen.
Hat Robert Flemming seinen Sohn geschickt, um mich derart zu verhöhnen oder übt sich das Universum einfach nur in Grausamkeit? Tatsache ist, ich will weder vor Wolf in Tränen ausbrechen, noch meine Faust an seinem makellosen Kiefer brechen. Also laufe ich davon.
„Warte!“
Ich renne die Stufen runter und auf die Straße.
„Jenni, warte!“
Wolf ist hinter mir. Seine Hand erwischt mich am Oberarm, hält mich fest und wirbelt mich herum. Bevor ich schreien kann, zieht er mich so nahe an sich heran, dass seine Haare meine Stirn streifen.
Für einen Moment ist seine Nähe überwältigend.
Seine Augen wirken in der Dunkelheit tiefer als sonst, die Spannung seines Körpers entlädt sich irgendwie in meinen, lässt mich zittern, und ein Geruch, der mich an Frost und Blut erinnert, fesselt meine Aufmerksamkeit.
„Ich mache mich nicht lustig“, presst er hervor. Sein Gesicht ist verzerrt vor Emotionen. „Ich hasse meinen Vater. Ich muss den Kompass haben. Die Tatsache, dass ich Robert Flemming eins auswische, indem ich dir genug Geld gebe, um seine habgierigen Baupläne zu durchkreuzen, ist die Kirsche auf dem Sahnehäubchen.“
Mein Atem geht schnell.
Da ist eine verzweifelte Wildheit in Wolfs Augen, die mein Herz aus dem Takt bringt. Auch er atmet schwer und das kommt sicher nicht von dem kurzen Sprint. Seine Lippen sind hochgezogen und entblößen seine Zähne wie bei einem Raubtier. Seine Hände liegen immer noch um meine Oberarme und obwohl er nicht hart zupackt, brennen sie durch den Stoff.
„Ich hasse ihn, Jenni.“
Textauszug aus Magiebann © 2026 Maya Ziegler · Alle Rechte vorbehalten.